Immer weniger Frauen wollen führen? Es liegt an den Strukturen!

Wenn es auch für die Frauen selbst nach wie vor schwierig zu sein scheint, Karriere zu machen. Das Thema «Frauen in Führung» hat in jedem Fall schon eine ganz beachtliche Karriere hingelegt.
Angeheizt vom 100-jährigen Bestehen des Frauenwahlrechts verdichtet sich in diesen Tagen die öffentliche Debatte dazu, warum es denn für Frauen immer noch so schwer ist, in eine Führungsposition zu gelangen. Zustandsbeschreibungen und Feststellungen gibt es viele, konkrete Antworten leider kaum. Dann wird spekuliert oder noch Schlimmer die Schuldzuweisungen gehen los. Aber die eigentliche Frage nach dem Warum bleibt unberücksichtigt.
In diesem Zusammenhang ist mir die aktuelle Studie der Initiative Chefsache aufgefallen. Sie thematisiert die Karriereambitionen von Frauen für Führungsposten, um letztlich an mehr Chancengleichheit bei der Talententwicklung für die Top-Etage zu appellieren. Darin haben die Initiatoren «zweimal ca. 5000 Männer und Frauen» online nach deren Karriereambitionen als «Momentaufnahme» befragt. Heraus kam dann eine äußerst medienwirksame Aussage: «Immer weniger Frauen wollen Chefin werden». Um genau zu sein, handelte es sich um einen Motivationsknick von 30 Prozent im Vergleich zum Jahresbeginn. Was für eine schockierende Nachricht! Vor allem, für diejenigen, die sich ernsthaft und systematisch seit Jahren mit der Entwicklung und Förderung von Frauenkarrieren auseinandersetzen.
Genau an diesem Punkt driften Medialisierung und unternehmerische Umsetzung von Frauenkarrieren leider drastisch auseinander. Denn die Studie suggeriert, dass es allein an den Frauen hängt, ob sie nun in die Führung wollen oder nicht. Gleiches gilt für die Männer. Damit entsteht der Eindruck, das berufliche Fortkommen bemisst sich hauptsächlich an den individuellen Karrierewünschen. Und über die Gründe kann dann, laut Studienverfasser, nur «spekuliert» werden. Dabei geben die in der Studie genannten Gründe, für jene Entscheider, die sich mit Frauenförderung beschäftigen, durchaus großen Aufschluss über die vorherrschenden Zustände in vielen Unternehmen. Da ist die Rede von 72 Prozent aller weiblichen Befragten, die sich mit Vorurteilen konfrontiert sehen, zudem geben 44 Prozent an, beruflich benachteiligt zu werden, wenn sie flexibel arbeiten.
Das sind für mich klare Indizien dafür, dass es sich in erster Linie um strukturelle Probleme in den Unternehmen, und nicht etwa um einen plötzlichen Sinneswandel der Frauen handelt. Diese Erkenntnisse zeigen sehr deutlich auf, wie schwierig es ist Verhaltensweisen und kulturelle Gewohnheiten wie z.B. Präsenzkultur aufzubrechen und stereotype Vorurteile abzulegen. Und wie intensiv diese Haltung die Unternehmenskultur noch zu prägen scheint.
Denn offensichtlich erstickt diese Unfähigkeit der Organisation sich zu verändern, für Frauen wie auch für Männer, die flexibel arbeiten wollen, deren Führungskarriere schon im Keim. Zudem gewinnt man aus der Studie schnell den Eindruck, die Frauen und Männer müssen sich «verbessern», damit es mit der Karriere endlich klappt. Das ist Unsinn und im schlimmsten Fall suchen sich die Führungskräfte einfach ein Unternehmen, welches ihnen diese modernen Rahmenbedingungen liefert.
Und gerade weil im Umgang mit Frauenkarrieren noch so viele stereotype Annahmen existieren, ist es schwer, die wirklich relevanten Aspekte überhaupt zu erkennen und für sich zu nutzen.
Denn nur die Wenigsten wissen bisher, dass Frauenkarriere von Umständen, denen sie unterliegen, abhängig sind. Soll heißen, nur wenn tatsächlich Strukturen, Verhaltensweisen und Rahmenbedingungen angegangen und angepasst werden können Frauen und jüngere Mitarbeiter sich auch entfalten und Karrieren gestalten. Flache Hierarchien oder kollaborative Arbeitsweisen sind nur einige kulturverändernde Maßnahmen, die Sichtbarkeit und Transparenz fördern und den richtigen und wertvollen Talenten eine Chance geben.
Wer systematisch und nachhaltig etwas für mehr Frauen in Führungspositionen tun möchte, sollte zunächst seine Organisation und Prozesse dahingehend durchleuchten. Sonst könnte die Momentaufnahme der Initiative Chefsache schneller um sich greifen, als uns allen lieb ist und Frauen und Männern mit „Motivationsknick“.Denn am Ende gehen uns genau die Talente verloren, die wir so dringend brauchen.